Kojenkoller

Attention please. The Captain is speaking. Auf dem Cargoschiff mit Aussichtsplattform für uns Touris. Von Puerto Montt nach Puerto Natales. Auf diese Überfahrt freu ich mich seit Wochen. Wir hatten die Kategorie Triple C gebucht. Es gab Kat. A bis Kat. C. Und es gab es uns.

Bienvenido Alemania. Der Reisetrupp mit einheitlichen Jack Wolfskin Gürteln wirbelt wild die Hände in die Luft. Das Fremdschämgefühl setzt ein. Wir klatschen. Alle Nationalitäten werden feierlich begrüßt. Hoch die Tassen. Auf die interkulturelle Verständigung und ein friedliches Beisammensein die nächsten vier Tage. Der Captain hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, da gab es schon Einspruch der türkischen Großfamilie. Sie waren nicht auf der Liste. Oh ha, Und wo kommt ihr denn dann bitte her?

Viele Dinge sind einfach auf der ganzen Welt gleich. Juanni ist auf dem Weg in David Attenboroughs Fußstapfen zu treten. Auch wenn noch kleine Defizite in der Differenzierung von der Flosse eines Orkas und einer Boje da sind. Er scannt das Meer mit seinem meeresbiologischen Auge. Seit 3 Tagen stehen wir an Deck. Rücken an Rücken. Um die 360* Sicht abzudecken. Wie Japaner im Urlaub.

In so einem patagonischen Fjord herrscht schon mal rauer Seegang. Einmal meinen Karabiner nicht eingehakt, und schon rasselte ich in die französische Rentnergruppe. Die letzten 12 Stufen hatte ich irgendwie nicht gesehen. Juan stand oben und hielt sich die Hand vor die Augen. Er wollte wohl damit signalisieren, dass wir nicht zusammengehören. Sandsi, du wirst keine Seemannsbraut. Und Dir, mein Freund, bekommt wohl die Seeluft nicht. Hilf mir lieber hoch.

Bei so einer Seefahrt dreht sich alles um Körperbeherrschung. Das wusste ich vorher auch nicht. Ob du die Treppe runtergehst. Oder am Frühstücksbüffet stehst. Dass hier noch nicht der Hammer kreist, liegt ausschließlich an meinem limitierten Vokabular zum Pöbeln in einer Fremdsprache. Und Juannis furchtbar verständnisvollen Art für Pauschalreisetouristen und die Welt.

Ich fühle mich inzwischen auch wie ein Pauschalreisetourist auf Mallorca. Der einzige Unterschied ist, ich bin auf nem Boot. Und in Chile. Und es gibt keine Sonnenliegen, auf die ich abends schon mein Handtuch legen kann. Nach dem Frühstück wartet man aufs Mittag. Nach dem Mittag aufs Dinner. Dazwischen isst man eine Tüte Chips, trinkt ne Flasche Wein und beobachtet die Buckelwale, Delfine und Bojen. Am Abend spielt man Bingo und flirtet mit dem Captain. Es gibt Vorträge über Flora und Fauna. Juan macht sich dazu Notizen. Wasseraerobic und Strandyoga hätten das Angebot abgerundet.

Ich habe dies bereits als Verbesserungsvorschlag eingereicht. Wir genießen nicht nur die drei Mahlzeiten am Tag. Auch, dass sie jemand für uns kocht. Ich geniesse jede Minute nochmal besonders. Unter anderem, weil ich weiss was mir bevorsteht, nachdem wir angekommen sind. Juanni hat wieder mal ein erstklassiges Fazit mit seinem ganzen Repertoire an Adjektiven geliefert. Brilliantes Wetter, Super Essen, Bequeme Kojen. Wildes Wildlife. Er muss schon sagen, das war wirklich eine tolle Fahrt. Ich hab nix hinzuzufügen.

Außer, dass der Captain sich echt schleunigst um das Parmesankàseproblem kümmern muss. Das gerät sonst außer Kontrolle. Ich hoffe er erkennt den Ernst der Lage. Ein Bonus immerhin: Wenn der Captain spricht, hört der Pauschalreisetourist aufmerksam zu und hält für die Minute mal den Rand. Die Buffetzeiten könnten sich ja schließlich geändert haben.

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