Reisefreude

Während Juans Flug kurzfristig gecancelt wurde und er jetzt in einheitlichen „i love Ushuaia“ Tshirts mit der Reisegruppe Schmidt noch immer am Ende der Welt sitzt, geht mein Rückreise Marathon in die nächste Runde. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Direktflug was feines ist.

Im Shuttle Transfer zum Flughafen saß eine Dame neben mir, die noch fix vor Abfahrt ein paar Grüße nach oben schickte. Ich dacht mir, naja, so ein Stossgebet kann ja nicht schaden, aber was hältst du von anschnallen?

Nix. Genau wie die 354 Passagiere, die die Bitte des Boarding Chefs noch sitzen zu bleiben, ignorierten. Er hat es aber auch nur in fünf verschiedenen Sprachen gesagt. Da kann es schon mal zu Missverständnissen kommen.

Die Schlange kurdelte sich durch den gesamten Warteraum. Und da standen sie. Die mehrmals ausgerufene und auf drei gut sichtbaren Displays angekündigte Verspätung war kein Grund die Schlange zu verlassen. Sie standen da. Und warteten. Warteten, um als erste auf ihrem reservierten Sitzplatz zu sein.

Der Captain kündigt den Landeanflug an. Verstanden hab ich das zwar nicht aber es war zu vermuten. Ich hatte bereits bei seiner Begrüßung für mich beschlossen, dass er Portugiesisch spricht.

Die ersten Passagiere werden hektisch. Es bleiben schließlich nur noch 25 Minuten das Buch wieder in der Handtasche verschwinden zu lassen. Wir landen. Alle Blicke sind an die Decke gerichtet. Eine Hand am Gurt. Die Anschnallzeichen erlöschen. Und es ist soweit. Es bricht Panik aus. Wer kommt als erstes an seine Duty Free Tüte in der Gepäckablage? Es wird gedrängelt und geschubst, Koffer über die Köpfe anderer Passagiere vier Reihen nach hinten gegeben. Ob der Mann aus Reihe 37 nicht weiß, dass er an Reihe 32 zwangsläufig auf dem Weg nach draußen vorbeikommt? Die, die taktisch unklug den Fensterplatz gewählt haben und nicht mehr in den Gang passen, stehen in den Sitzen. Gekrümmt, weil die Decke so tief ist.

Freunde, wat ist denn hier los?! Schön geschmeidig bleiben. Wir sehen uns doch eh spätestens am Gepäckband wieder. Aber es scheint, dass ich die einzige bin, die noch angeschnallt da sitzt und versucht sich aus ihren Trombosesocken zu befreien.

Ich frag mich schon lange, wofür diese Hektik. Aber ich denke, jetzt hab ich’s verstanden. Es geht darum, den besten Trolley Parkplatz am Gepäckband zu bekommen.

Auch ich bin inzwischen eingetroffen. Wie ich erneut feststellen musste, den Sinn dieser gelben Linie, die das Gepäckband umgibt, versteht niemand. Man kann doch aber davon auszugehen, dass jeder schon mal bei der Post war. Oder bei der Bank. Gleiches Prinzip. Man wartet hinter der Linie.
Hier nicht.
Nicht am Flughafen. Hier gelten andere Regeln.

Es herrscht allgemeine Aufregung. Volker bezieht Stellung, während Schantal losläuft um einen Trolley zu besorgen. Man parkt so, dass kein anderer Zugang hat und es durch die zweite Reihe Parker und zu dichtes Auffahren unmöglich wird, das Teil wieder raus zu manövrieren. Volker wirft Schantal ungeduldige Blicke zu. Er scheint zu befürchten, dass er den Platz für ihren Trolley, den er da breitbeinig versucht freizuhalten, nicht länger verteidigen kann.

Das Gepäckband läuft an. Wider Erwarten in die andere Richtung. Es bricht erneut Panik aus. Dutzende Passagiere versuchen ihren Trolley vom vermeidlichen Anfang ans andere Ende zu navigieren. Andere werden hektisch, weil ihrer scheinbar kaputt ist und sie durch den Zeitverlust nur zweite Reihe parken können. So auch Schantal. Sie kämpft noch immer mit der Wagenschlange.

Es ist ja nicht so, dass ich langsam ungeduldig werde, weil mein Rucksack seine Runden dreht, und der Weg zum Band durch eure dicht geparkten Trolleys versperrt wird. Nee, überhaupt nicht. Ich bin kurz vorm Ausflippen.

Das ist hier ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem mit dem ich derzeit täglich konfrontiert werde. Ja ha. Das scheint beim Frühstücksbüffet anzufangen und sich bis zur Kofferausgabe durch zu ziehen. Und nach drei aufeinanderfolgenden Tagen am Gepäckband ist meine Geduld mit Euch rücksichtslosen Banditen echt am Ende.

Es bleibt zu hoffen, dass dies ein Phänomen ist, dass ausschließlich im Urlaub auftaucht. Ich bezweifele es.

Also liebe Leute, fahrt doch eure Ellenbogen mal wieder ein, teilt den Käse mit Euren Mitmenschen und stellt Euch einfach mal hinten an. Während ihr noch versucht aus der Massenkarambolage rauszukommen, sitz ich mit meinem Rucksack nämlich schon im Taxi.

Und sag doch der Schantal mal bitte einer, sie muss den Griff runterdrücken. Dann klappts auch besser mit dem Volker. Und dem Trolley.

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